Ein lebendiger Adventskalender in Fellbach

21. Dezember 2019

Was heißt hier Stille Nacht!

Von wegen, besinnliche Adventszeit: Jedes Jahr kurz vor Weihnachten bricht unter der Menschheit regelmäßig die nackte Panik aus und sie begibt sich auf die Jagd nach Geschenken, die die Welt nicht braucht. Warum nur tun wir uns das an?

Ist das nicht wunderbar? Endlich Weihnachten! Markt und Straßen stehn verlassen, still erleuchtet jedes Haus, sinnend geh‘n wir durch die Gassen, alles sieht so festlich aus – zumindest, wenn man im 19. Jahrhundert unterwegs ist und Joseph von Eichendorff heißt.

Heute im 21. Jahrhundert, hat man den Eindruck, Besinnlichkeit ist ein Luxus, den wir uns nicht mehr leisten können. Weihnachten lässt sich nicht mehr einfach erleben, wo kommen wir denn da hin! Weihnachten muss organisiert werden.

Auf die Frage „Wie geht‘s?“ erwartet man vom ersten Dezember an  ein schulterzuckendes „Bin im Stress“, das sich gegen Mitte des Monats in ein „Oh Gott, frag nicht!“ steigert und kurz vor Weihnachten in einem „Bin ich froh, wenn das vorbei ist!“ gipfelt. Wer die Unverfrorenheit besitzt, mit einem „Danke gut“ zu antworten, ist nichts als ein widerlicher Aufschneider. Oder hat den Ernst der Lage nicht begriffen…

Ach Herr Eichendorff, wenn Sie wüssten! Wo einst Markt und Straßen verlassen herumstanden, schieben sich heute Massen mit Tüten unterm Arm zwischen Glühweinbuden durch. Dort formieren sie sich zu Trauben, um ihren Frust kollektiv in einer klebrig-süßen Plörre zu ersäufen. Die Straßen sind verstopft mit hektischen Menschen, die sich eigentlich ganz weit weg wünschen. Sinnend geht hier keiner durch die Gassen, hier herrscht nackte Panik. Den Leuten ist die Angst vor dem bösen Wort „ausverkauft“ ins Gesicht geschrieben, in den Augen glänzt nicht Vorfreude, sondern Verdruss über das, was sie erwartet – und das ist alles andere als eine „Stille Nacht“.

Die Erkenntnis, dass Weihnachten immer mehr zu einem Fest der Hetze verkommt, ist längst auch in unserem virtuellen Bewusstsein angekommen. Gibt man die Begriffe „Weihnachten und Stille“ bei Google ein, erhält man 5,2 Millionen Ergebnisse – die Kombination „Weihnachten und Stress“ ergibt rund 40 Prozent mehr Treffer: 8,7 Millionen.

Sie werden es nicht glauben, sehr verehrter Herr von Eichendorff, aber selbst die festliche Stimmung ist uns vergangen. An den Fenstern haben die Frauen leider kein buntes Spielzeug fromm geschmückt, mitnichten! In den Schaufenstern der großen Kauf-

häusern tobt der Krieg der Sterne, die Agenten von Alien Conquest suchen nach immer neuen Opfern, die sie mit ihrem grünen Schleim infizieren können, und Ninjago-Krieger treffen sich am Tempel des Feuers zur letzten Schlacht. Ach, Sie wissen nicht wovon ich spreche? Dann können Sie sich vielleicht vorstellen, wie sich der Weihnachtsmann heutzutage fühlen muss, wenn er die Wunschzettel der Kinder in Händen hält:

Sie sprechen eine kryptische, martialische Sprache und lesen sich gelegentlich wie die Beschaffungsliste eines Waffenhändlers vom Mars.

Diesmal machen wir alles anders

Und dann diese Wut aus sich selbst: wieder nicht geschafft, sich rechtzeitig zu kümmern. Wieder alles in letzter Minute. Dabei hatte man sich vorgenommen, diesmal alles anders zu machen: im Oktober ganz entspannt Geschenke kaufen Anfang November Plätzchen backen und Adventskalender zu basteln. Was einer halt so vor sich hinträumt, wenn er im Sommerurlaub in Gran Canaria an Weihnachten denkt.

Die Realität ist ernüchternd: In einer Kassenschlange, eingekeilt zwischen Leidensgenossen, kommt man am Tag vor Heiligabend zu sich – ein Sinnbild des Versagens. Weihnachten macht aus uns allen Aufschieber, In-letzter-Minute-Einkaufer, erfolglose Jäger. Es verdammt uns dazu, anderen Menschen Dinge zu schenken, von denen wir bereits wissen, dass der Beschenkte seine Freude nur heucheln kann. Wie soll man auch wirklich einen Treffer landen bei der Menge an guten Ideen, die uns abverlangt werden?

„Wie ein Idiot“

Man möchte den Nachbarn tröstend über den Kopf streichen, wenn sie im Lift von ihrer vorabendlichen Konsumschlacht berichten - „Na, auch im Spielwarengeschäft gewesen?“ „Nein, Elektrofachhandel. Ich kam mir vor wie ein Idiot aus einem Werbespot, als ich mit meinen Tüten wieder vor dem Ausgang stand“. „Kenn ich. Wollte mir diesmal für meine Frau was ganz Besonderes einfallen lassen. War dann aber doch nur wieder beim Juwelier“.

Eine Freundin klagt, sie sei völlig am Ende mit ihren Nerven, müsse 19 Geschenke ranschaffen. Von Schlaflosigkeit gequält, wälzt sie sich im Bett und überlegt, worüber sich wohl der Sohn ihrer Cousine, die Schwester ihrer Großmutter und die Tochter der Nachbarin freuen würden. Und wann sie das alles besorgen könnte. Der Kollege gesteht, er würde am liebsten blau machen, weil er doch noch all die Geschenke kaufen müsse und nicht weiß, wie er das sonst schaffen soll.

All die nutzlosen Vorsätze

Warum endest das immer wieder so, wohin verschwinden sie, unsere guten Vorsätze? Sollten wir uns nicht lieber etwas vornehmen, das wir schaffen können? Keine Geschenke mehr kaufen, zum Beispiel. Was, wenn das alles wegfiele und wir uns die ganze Kohle, die viele Zeit und die kostbaren Nerven sparen für das was wirklich zählt – und auch viel mehr Spaß macht: ehrliche Gespräche, Spenden für die, die es nötig haben, ein gutes Essen. Klingt nach Gutmensch? Klar, man ist ja auch ein besserer Mensch, wenn man entspannt ist.

Sicher, es gibt sie, diese gut organisierten Leute, die sich jedes Jahr am 24. Dezember zu einem „ gemütlichen Weihnachtsbrunch“ treffen, während unsereins kurz davor steht, den nächstbesten Mitmenschen mit dem nichtsnutzigen Christbaumständer zu erschlagen und anschließend Bergen von  Geschenkpapier zu kollabieren. Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen: Ein gemütlicher Brunch am Weihnachtsmorgen – die reine Provokation! Mit so jemandem will man eigentlich nichts zu tun haben. Dass man nichts auf die Reihe kriegt, weiß schließlich jeder selbst. Da braucht es niemanden, der einem das eigene Versagen so schonungslos vor Augen führt.

Todesstern für Omi

Diese Menschen kaufen im Oktober schon ihre Geschenke, verpacken sie natürlich auch gleich und heften Namen an die Verpackung. Unsereins hätte es Dezember längst wieder vergessen, welches Geschenk in welcher Verpackung ist, so dass Omi versehentlich den Todesstern von Lego Star Wars bekommt und Papa das himmelblaue Frottee-Nachthemd. Nicht aber diese Menschen! Sie haben alles mit kleinen Zettelchen beklebt und perfekt verstaut, damit die Kinder es nicht schon vorher finden.

Wir wüssten bis Weihnachten wahrscheinlich schon gar nicht mehr, wo wir die Geschenke versteckt hätten. Würden am Morgen von Heiligabend alles auf den Kopf stellen. Das Ergebnis: Stress! Oder schlimmer noch: Wir würden uns gar nicht erst daran erinnern, dass wir bereits im Herbst alle Geschenke besorgt haben. Und fühlen uns noch mehr gestresst. Machen uns am 23. Dezember auf dem Weg in die Stadt –  der Rest ist bekannt.

Lieber Herr von Eichendorff, Sie sehen, es hilft nichts. Die Zeit drängt, es gibt Dinge, die getan werden  müssen: Sie wissen schon – Geschenke besorgen.