07. Dezember 2017

„Der vergessliche Engel“

Im Himmel herrschte große Aufregung: In wenigen Tagen sollte Gottes eigener Sohn zur Welt kommen,

als kleines Kind in Bethlehem.

Eifrig putzten die Engel ihre Flügel und Heiligenscheine und übten ihr

vielstimmiges Gloria wieder und wieder, denn am großen Festtag sollte alles so schön wie möglich sein.

Endlich war es soweit. Aufgeregt flatterten alle durcheinander, stimmten ihre Flöten, Harfen und

Posaunen und wollten gerade gemeinsam in vollem Glanz aufbrechen, als ein kleiner Engel, aufgeregt

flatternd, rief: „Wartet noch einen Augenblick, wartet, ich kann mein Liedblatt nicht finden!“ „Komm jetzt,

du kannst mit in meines schauen, es wird Zeit, wir müssen los“, ermunterte ihn ein älterer, gütiger

Engel. „Aber ich habe mir in meinem Notenblatt doch meinen Einsatz rot angestrichen, weil ich den

sonst immer vergesse“, meinte der kleine Engel verlegen und wurde jetzt selbst rot. „Dann beeile dich,

ich versuche, die anderen noch einen Augenblick aufzuhalten“, erwiderte der gütige Engel.

Flugs war der Kleine zwischen den Wolken verschwunden und kam in der Tat schon nach kurzer Zeit mit seinem,allerdings schon sehr zerfledderten Liedzettel an. „Danke“, flüsterte er dem gütigen Engel zu und schonschwangen sie sich alle gemeinsam auf in Richtung Erde. Doch die Einmütigkeit währte nicht lange.

„Halt, halt, ich habe meine Harfe vergessen“, rief der kleine Engel verzweifelt. „Wie konnte dir denn so

etwas passieren?“ Jetzt war auch der gütige Engel einigermaßen ungehalten, was gemeinhin relativ

selten vorkam: „Du bringst hier noch alles durcheinander! Wir können jetzt nicht noch einmal

umkehren.“ „Als ich meinen Liedzettel suchte, habe ich meine Harfe auf eine Wolke gelegt, damit ich

schneller suchen konnte. Und dann habe ich mich so beeilt, dass ich sie liegengelassen habe. Aber ich

brauche mein Instrument, schließlich spiele ich in dem Himmelsorchester die erste Harfe!“ „Dann musst

du schnell alleine zurückfliegen, wir fangen ja mit dem >Ehre sei Gott in der Höhe< an, das ist

a capella, bis wir bei den instrumentalen Stücken sind, wirst du es dann wohl geschafft haben, wieder

bei uns zu sein.“ Der vergessliche Engel hatte schon eine scharfe Kurve genommen und war auf dem

Rückflug gen Himmel. Der gütige Engel rief ihm noch hinterher: „Wo du uns findest, weißt du ja, in

Bethlehem!“, aber das hörte der Kleine schon nicht mehr.

Es kam, wie es kommen musste. Der vergessliche Engel fand zwar tatsächlich seine Harfe, gerade da, wo er sie ganz in Gedanken abgelegt hatte, aber als er wieder losstarten wollte, fiel ihm beim besten Willen nicht mehr der Ort ein, wo das einmalige Ereignis stattfinden sollte. „Das gibt es doch nicht“, flüsterte er erschrocken, irgendwo in Israel war es, oder in Irland? Das Land fing jedenfalls mit „I“ an. Aber da käme auch Indonesien in Frage. Und die Stadt? Wie hieß die Stadt? Bethanien vielleicht oder Bagdad oder Berlin? Er konnte sich immer nur an die Anfangsbuchstaben erinnern.

Auch das Datum hatte er vergessen, er wusste nur,dass er sich unheimlich beeilen sollte, um das einmalige Ereignis nicht zu verpassen, und dass er es verpassen würde, weil er nicht mehr den blassesten Schimmer hatte, wo es stattfinden sollte. Hätte ich es mir doch bloß aufgeschrieben, ärgerte er sich. Obwohl das bei ihm auch nicht viel nützte, weil es schon oft vorgekommen war, dass er sich alle möglichen Termine und Daten zwar notiert, später aber seine Notizen nicht mehr wieder gefunden hatte. Ich werde es immerhin versuchen, dachte er bei sich und sauste ab in die Tiefe.

Ein Land mit „I“ am Anfang und eine Stadt mit „B“, dachte er und landete

etwas unsanft in Benares in Indien. Ein Kind in einer armseligen Unterkunft, das werde ich doch wohl

auch so noch finden, machte er sich selbst Mut. Und in der Tat: Es dauerte auch nicht lange, als er in

den Slums der Stadt ein Neugeborenes weinen hörte. Na also, dachte er, war flugs bei Mutter und Kind,

fächelte beiden mit seinen Flügeln ein wenig Wind zu und spielte ihnen auf der Harfe eine so

wundervolle Musik zu, die seine Höchstleistungen im Himmelsorchester bei weitem übertraf. Auch das

„Ehre sei Gott in der Höhe“ kam so rein und klar aus seiner Kehle, dass er erst bei der Zeile „den

Menschen seines Wohlgefallens“ merkte, dass er hier ganz alleine sang.

Wo sind denn die anderen, dachte er erschrocken, als ihm allmählich dämmerte, dass er anscheinend nicht am richtigen Ort war.

Aber die vor Schmerzen wimmernde Frau war so ruhig geworden, als er gesungen hatte, und das

schreiende Baby war in tiefen Schlaf gesunken. Ganz falsch konnte sein Auftritt hier also doch auch

nicht gewesen sein. Im Stillen hoffte er, dass die anderen alle an falscher Stelle jubelten und

musizierten, ahnte aber, dass ihn diese Hoffnung trog. Müde, verwirrt, gleichzeitig beschämt über seine

Vergesslichkeit, traurig darüber, das große Ereignis verpasst zu haben und doch ein wenig glücklich im

Herzen, einer armen Mutter und ihrem neugeborenen Kind in einer der ärmsten Ecken der Welt ein

wenig Ruhe und Frieden geschenkt zu haben, machte er sich langsam wieder in Richtung Himmel auf.

„Wo warst du?“, „Was fällt dir ein, die heilige Nacht Gottes zu schwänzen?“, „Uns hat die erste Harfe

gefehlt!“, „Du verdienst nicht länger ein Engel genannt zu werden“; so riefen und schrieen alle

durcheinander, als er in den himmlischen Gefilden eintraf. Diese Worte trafen ihn hart. Durfte ein Engel

denn nicht einmal einen Fehler machen? Tief erschrocken und in seiner zarten Seele verletzt, ließ er

sich fallen. Langsam sank er zur Erde zurück. Je mehr er sich der menschlichen Welt näherte, um so

heftiger spürte er in seinem liebevollen Herzen den göttlichen Auftrag, mittels seiner Intuition und

seinem Feingefühl die Menschen ausfindig zu machen und ihnen beizustehen, die seine Hilfe gerade

am meisten benötigten.

Seit dieser Stunde verweilt der vergessliche Engel auf der Erde. Er ist immer gerade dort zur rechten Zeit und am richtigen Ort, wo die Not am größten ist. Er schenkt Ruhe und Frieden und helle Träume, in denen die Einsamen, Traurigen und Elenden in der Welt spüren, dass es doch noch eine Hoffnung gibt für den kommenden Tag. Seitdem er unter den Menschen seine Spuren hinterlässt, ahnen manche unter ihnen, dass es mit der allgemeinen Rede vom Schutzengel wohl doch etwas auf sich haben muss. Vielleicht hast du ihn ja auch schon einmal gespürt?

Christa Spilling-Nöker